Und auf einmal wird klar: einer war im KZ.

Über den Sinn von Ahnenforschung. Ein konkretes Beispiel.

Das Durchforsten von Unterlagen, die im Rahmen von Erbvorgängen die Besitzer wechseln, kann dazu führen, dass aus reiner Nostalgie auf einmal Betroffenheit entsteht sowie die Verantwortung zum Arbeiten an der Erinnerungskultur.  

Gefundene Briefe, beginnend um 1630, bieten zum Beispiel einen Blick in eine Zeit, die fremd erscheint: Schriftart, die nicht lesbar ist, Sprache, die förmlich und höfisch ist, dazu Siegel und Stempel wie es sie höchstens in Museen gibt. Interessant, vielleicht für einen langen Winterabend, wenn keine Verabredung ansteht und das Fernsehprogramm nichts bietet. Online-Archive, Stadtarchive, hilfsbereite Menschen, die scannen, transkribieren, versenden, sind bei der Sichtung von Nachlässen ein großer Schatz.  

Nach und nach lässt sich so mit Hilfe von Genogrammen die Reihe der Ahnen nachvollziehen. Ihre Geburts-, Heirats- und Sterbedaten, ihre Wohnorte, ihre Berufe, ihre Reisen ins Ausland, ihre Kriegseinsätze, ihre Freizeitaktivitäten, die Anzahl ihrer Nachfahren – welche wiederum die eigenen Vorfahren sind. Ein großes System, das sich Familie nennt, wird deutlich und reicht bis in die Gegenwart.  

Der Enkel freut sich, die Anzahl der Geschwister der Großeltern, Urgroßeltern und Ur-Ur-Großeltern herauszufinden, welche Berufe sie hatten und wer wen aus welcher Region wann geheiratet hat. Manchmal entdecken wir auch uneheliche Kinder, Totgeburten, plötzlichen Kindstot, Müttersterblichkeit und ausländische Verwandte – alles das, was Familie so ausmacht. Alles scheint jedoch entfernt, steht auf den Dokumenten doch 1600, 1700, 1800 und 1900 als Datum.    

Kurz bevor der Enkel sich am Ende eines solchen heimeligen Abends darauf vorbereitet, alles wieder in den Kisten zu verstauen und sich der Gegenwart zuzuwenden, ändert sich das verklärte Bild nach dem Blick auf die Geburtsurkunde und den dazugehörigen Sterbeeintrag eines Vorfahren: 

 „Der jüngste Bruder meiner Ur-Oma Helene ist am 03.06.1944 aus dem KZ Ravensbrück in das KZ Bergen-Belsen gebracht worden und dort am 23.06.1944 gestorben!“ heißt es auf einmal.

Darüber ist nichts bekannt und alle Zeitzeugen der Familie sind inzwischen verstorben.  

Da ist sie, die Verantwortung für die kommende Generation. Ab hier bleibt die Kiste mit den alten Dokumenten offen und es beginnt die Arbeit an der Erinnerungskultur: eine Nachricht ans Stadtarchiv, Recherchen in Online-Archiven, die Kontaktaufnahme zu den KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen und Ravensbrück, der Empfang weiterer Dokumente. 

Wilhelm (*1895) ist ein Mensch von vielen. Mit jedem Namen und der Sichtbarmachung des persönlichen Schicksals bleibt die Erinnerung an die Schrecken des rassistischen NS-Terrorregimes dauerhaft bestehen. Eine Mahnung für die Zukunft.  

Eines ist doch klar: betreiben Kriegsenkel:innen (Meyer-Legrand, 2022) Ahnenforschung, dann geht es nicht um Familienidylle, nicht um das wohlige Gefühl der 1980er Jahre, in denen die Welt offenstand und alles interessant und aufregend erschien.  

Dann geht es um die Klärung von Einzelschicksalen, um die Darstellung und Aufarbeitung von dem, was die Vorfahren in der NS-Zeit erlebt haben. Dies ist interessant und spannend zugleich, bisher hat niemand vorher in den Familien diese Schicksale aus einer gewissen emotionalen Distanz betrachten können. Ich stimme Wolfgang Benz (2025) zu: Kriegsenkel:innen ist diese Aufgabe zuzumuten. Sie haben schließlich diese Vorfahren nicht persönlich gekannt. Sie sind erschüttert, aber nicht verletzt. Die Schicksale, die es in vielen Familien gibt, der kommenden Generation aufzuzeigen und so die Erinnerung an den NS-Terror aufrecht zu erhalten, liegt in unserer Verantwortung. Durch die Sichtbarmachung von familiärer Betroffenheit kann eine Anknüpfung der eigenen Person an die deutsche NS-Geschichte ermöglicht werden.  

Ein ´Mich-betrifft-die deutsche Geschichte-nicht´ wird somit unmöglich.  

Bremen, Germany, den 16.03.2026, Martina Wehling  

Ein herzlicher Dank gilt Frau Frauke Hellwig, Bremen, für die Zurverfügungstellung Ihrer Freizeit: für das Recherchieren sowie Überprüfen, Transkribieren und Kontextualisieren historischer Dokumente.  

Literatur 

Benz, Wolfgang. 2025. Zukunft der Erinnerung. Das deutsche Erbe und die kommende Generation. München. dtv  

Meyer-Legrand, Ingrid. 2022. Die Kraft der Kriegsenkel. Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen. Berlin. Europa