Inklusives Lernen

Der Begriff des inklusiven Lernens für den Bereich Schule entwickelte sich Mitte der 2000er Jahre in der erziehungswissenschaftlichen Profession. Zuvor gab es den Begriff der Integration von benachteiligten Schülerinnen und Schülern, welcher ein fundamental abweichendes Konzept darstellte im Vergleich des zur Zeit vorherrschenden Paradigmas der Heterogenität bzw. Inklusion.

Wenn man Inklusion im schulischen Setting tatsächlich umsetzen möchte, bedeutet dies meines Erachtens den Einsatz eines multiprofessionellen Teams, bestehend aus Fachexpertinnen und Fachexperten der jeweils zu unterrichtenden Schulfächer gemäß föderalistischem Lehrplan der Länder, Didaktikerinnen und Didaktikern,  Kinderkrankenschwestern, Psychologen und Psychologinnen, Hauswirtschaftlichen Kräften und vielen mehr. Die These lautet allerdings, dass sich die Ideen eines inklusiven Lernverständnisses wie es in Skandinavien  zu finden ist, nicht eins zu eins auf die deutsche Gesellschaft übertragen lässt, da hier die sozialen und vor allem ökonomischen Voraussetzungen diametral denen der skandinavischen Länder entgegenstehen. Sollte es nicht zusätzlich ein Bewusstsein für eine Pädagogik der Vielfalt geben, wie es Annedore Prengel beschreibt? Die simple aber für viele Menschen nicht leicht umzusetzende Haltung lautet nach eigener Aussage Prengels auf einem Fachtag an der Universität Bremen: „…zu Fremden muss man freundlich sein – dies sollten wir alle im Rahmen unserer Erziehung gelernt haben“. In einem aufgeklärten Land wie der Bundesrepublik Deutschland ist dies meines Erachtens auch in 2023 leider nicht selbstverständlich.
Doch meine Frage lautet weiterhin: gibt es eine Alternative zum inklusiven Lernen in einem föderalen Schulsystem? Soll es ein „Zurück“ geben zu Homogenität im Schulalltag und dem Unterricht der Gleichmacherei, vor allem der Nivellierung von Geschlecht? Bei homogenen Lerngruppen besteht das Problem darin, dass immer der oder diejenige benannt werden muss, der/die nicht dazugehört. Dies führt zur Exklusion und ist nach meiner Auffassung abzulehnen.
Ich vertrete die Auffassung, dass es zu einem Denken der Heterogenität im Schulalltag, das bedeutet das Lernen in inklusiven Settings, bislang keine verfassungskonforme Alternative gibt. Jedoch lassen sich die Bedingungen hierfür nur umsetzen, wenn eine entsprechende Bereitschaft aller Beteiligten vorhanden ist. Hierzu zählt weit mehr als das ökonomische Kapital wie Pierre Bourdieu es in „Die feinen Unterschiede“ (1979) beschreibt.

Kleine Lernklassen, differenzierende Lernräume, multiprofessionelle Teams – all das muss es nach meiner Auffassung geben, wollen wir die Zukunft der nächsten Generation sicherstellen, da Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihrer Form der Ausbildung nicht alle pädagogisch-psychologischen sowie didaktischen Herausforderungen alleine bewältigen können. Ein an starren Lehrplänen und festen Unterrichtseinheiten orientiertes System Schule ist hierbei jedoch nicht zeitgemäß. Offener Unterricht, selbstgesteuertes Lernen – all dies sind Elemente eines schülerzentrierten Unterrichts.
Das konstruktivistische Lernmodell hinsichtlich Pertubation und Refraiming kann dabei als theoretische Grundlage dienen. Alle am Lernprozess Beteiligten Personen sind dabei als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter für die Schülerinnen und Schüler anzusehen. Eine Person müsste für das Team als Ansprechpartner ggü. Eltern, Behörden, weiterführenden Bildungseinrichtungen verantwortlich sein und entsprechend kommunikationspsychologisch ausgebildet werden. 

Es ist m.E. Aufgabe der Politik, entsprechende Rahmenbedingungen herzustellen, um den Erhalt eines demokratischen Landes im 21. Jahrhundert sicherzustellen. Die Struktur der Unterrichtsgestaltung an Schulen bedarf dabei der grundlegenden Veränderung, dies erfordert m.E. auch die Einbeziehung der neurobiologischen Perspektive, zum Beispiel Gerald Hüther (2009).

Der Zustand des deutschen Bildungssystems offenbart sich angesichts der aggressiven Gewalt gegen Lehrkräfte, der hohen Zahl an Unterrichtsausfällen, des nicht erfüllten Versprechens der Vereinbarkeit von Familie und Beruf am Arbeitsmarkt sowie des rasant fortschreitenden Fachkräftemangels in Verbindung mit der weiterhin vorhandenen Koppelung des Bildungserfolgs an die soziale Herkunft auch in 2023 und besonders nach der Coronapandemie als anhaltend katastrophal. Die Versäumnisse im Zusammenhang mit den Lockdowns an Schulen, besonders in Bezug auf die digitale Bildung von Lehrerinnen und Lehrern und den Erwerb einer kritischen Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen werden die deutsche Gesellschaft m.E. langfristig negativ beeinflussen.

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Martina Wehling M.A., Bremen, Datum der Veröffentlichung 04.08.2023, Literaturverzeichnis aktualisiert 20.10.2023

 

Literaturverzeichnis

Bourdieu, Pierre. 1979. Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main. Suhrkamp

Faulstich-Wieland, Hannelore; Horstkemper, Marianne. 1995. Trennt uns bitte, bitte, nicht! Koedukation aus Mädchen- und Jungensicht. Opladen: Leske + Budrich Verlag

Faulstich-Wieland, Hannelore. 1999. Koedukation heute – Bilanz und Chance. In: Horstkemper, Marianne; Kaul, Margret (Hg.). Koedukation. Erbe und Chancen. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S. 124-135.

Faulstich-Wieland, Hannelore; Weber, Martina; Willems, Katharina; Budde, Jürgen. 2004. Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Weinheim und München: Juventa Verlag GmbH (Veröffentlichungen der Max-Träger-Stiftung, Band 39).

Faulstich-Wieland, Hannelore. 2004. Doing Gender: Konstruktivistische Beiträge. In: Glaser, Edith; Klika, Dorle; Prengel, Annedore (Hg.). Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbronn: Julius Klinkhardt Verlag. S. 175-191.

Faulstich-Wieland, Hannelore. 2006. Reflexive Koedukation als zeitgemäße Bildung. In: Otto, Hans-Uwe; Oelkers, Jürgen; Bollweg, Petra (Hg.). Zeitgemäße Bildung. Herausforderung für Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik. München: Reinhardt Verlag. S. 261-274.

Prengel, Annedore. 2006. Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in interkultureller, feministischer und integrativer Pädagogik. 3. Auflage. Wiesbaden. VS Verlag

Hüther, Gerald. 2009. Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn. Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht